
Kulturwanderung Lag da Pigniu
Aber befassen wir uns erst einmal mit dem General und wie der überhaupt nach Pigniu kam. Dafür müssen wir ganze 225 Jahre zurückreisen. Also Zeitmaschine anschmeissen, einsteigen und anschnallen – die Landung wird etwas holprig. Ende des 18. Jahrhunderts tobte nämlich ein politischer Sturm über Europa – ausgelöst durch die Französische Revolution. Neue Ideen von Freiheit und Menschenrechten spalteten die Gesellschaft. In diese tobenden Wogen der Kriege zwischen den französischen Truppen und den Heeren der absolutistischen Herrscher Europas wurde auch die Schweiz hineingezogen und auch Graubünden wurde zum Kriegsschauplatz. Die französischen Truppen überschritten im März 1799 bei Sargans den Rhein; die Surselva kam unter französische Flagge und Graubünden schloss sich kurz darauf der «Helvetischen Republik» – einem Vasallenstaat Frankreichs – an.

Der General Suworow …
Der verhängnisvolle Pass
Bald bildete das alte Europa Opposition gegen das revolutionäre Frankreich. Österreich, Preussen, England und Russland planten den gemeinsamen Widerstand. So marschierte der russische General Alexander W. Suworow mit rund 20 000 Soldaten von Norditalien bis ins Glarnerland vor, mit dem verwegenen Ziel, das besetzte Zürich zu befreien. Dazu kam es nie. Er wurde von den französischen Truppen und dem einbrechenden Winter gestoppt. Der schillernde General musste im Herbst 1799 den Rückzug über die bereits verschneiten Berge antreten. Der 2407 Meter hohe Panixerpass/Pass dil Veptga – der niedrigste Passübergang zwischen dem Glarnerland und der Surselva – war der einzige Rückweg der russischen Truppen ins verbündete Österreich. Doch der bereits schneebedeckte Pass wurde vielen von Suworows geschwächten Soldaten zum Verhängnis und auch die Kriegskasse des Generals verschwand – angeblich – in den Schluchten des Passes. Diejenigen, die es über den Pass schafften, waren geschwächt und halb verhungert. Sie erreichten im Oktober 1799 das kleine Dorf Pigniu am Fusse des Panixerpasses. Die Wintervorräte des kleinen Dorfes wurden beschlagnahmt und das Vieh geschlachtet. Was für eine Katastrophe für die Bevölkerung, die noch Jahrzehnte unter den Folgen dieser Plünderung litt. Die Strapazen des Feldzugs überlebten nur rund 5000 Soldaten. Zurück in Russland fiel der als unbesiegbar gegoltene General bei dem Zaren in Ungnade und starb kurz danach in der Nähe von Moskau.

… und das Wasser
Der Stausee
So viel zum General. Was aber hat es nun mit dem Wasser auf sich? Na ja, auf jeden Fall ziemlich viel. 7 300 000 m³, um genau zu sein. Exakt so viel Speichervolumen fasst der Panixer Stausee, der heute dort liegt, wo der General einst mit seinen Soldaten einmarschierte. Der Stausee ist Teil der zwischen 1984 und 1992 erbauten Kraftwerke Ilanz. 1999 verwandelte der gebürtige Engadiner Künstler Martin Valär die Staumauer mit seinem Monumentalwerk in ein Gemälde. Darauf wurde Suworow als wankender blauer Turm dargestellt – dieser General, der mit seiner Armee von den damaligen Machthabern wie auf einem Kriegsschachfeld hin- und hergeschoben worden war. Seine gefallenen Soldaten erhielten durch die Schach- Bauernfiguren ein Denkmal. Heute ist die Farbe zwar abgeblättert, aber dennoch bleiben General, See und Ort für immer verbunden. In der Erinnerung der Menschen. 225 Jahre nach General Suworow führt eine Kulturwanderung entlang des wilden Schmuèrbachs vom pittoresken Dorf Pigniu zum Stausee Pigniu. Geführt wird die Kulturwanderung von einer Historikerin und einem Historiker, die direkt am Schauplatz des Geschehens spannende Einblicke in die Zeit der Napoleonischen Kriege in der Surselva geben. Und auch zeitgeschichtliche Themen wie die Bedeutung der Wasserkraft für die Bergregionen werden thematisiert. Das alles entlang des Uferweges des Stausees Lag da Pigniu mit der faszinierenden Natur und dem überwältigenden Bergpanorama im Blick.