Surselva Logo, zur Startseite

Kunst, Kultur und Natur auf der Spur

Spiel, Spass und Spannung stecken bekanntlich im Überraschungsei. Kunst, Kultur und Natur stecken im Obersaxer Walserweg. Das ist vielleicht weniger bekannt, dafür aber mehr Quintessenz als Überraschung. Ei-ei-ei!

Ich kam, sah und – setzte mich voll ins Fettnäpfchen. Damals vor rund 20 Jahren in der Rhätischen Bahn von Chur nach Ilanz. Nur sprichwörtlich natürlich. In der RhB sind die Sitzpolster natürlich rein. Ich jedenfalls war mit Sack, Pack und einem Klumpen im Magen unterwegs nach Obersaxen, um meine erste Saisonstelle anzutreten. Grad mal volljährig und voll nervös. In ein neues Leben startet man schliesslich nicht jeden Tag. Bern – Meierhof einfach versprach der Weg die neue grosse Freiheit. In Chur war ich früher schon mal, aber ab Perron sieben war es dann Neuland. Zwei Stufen hoch in den roten Wagon steigen und schnurstracks ins kalte Wasser springen. Ohne Badeanzug oder Plan B und nur mit einer vagen Vorstellung. Im Abteil sass mir eine Frau gegenüber. Im Gegensatz zu mir hatte sie einen Plan. Nämlich nach Hause zu fahren. Aber das wusste ich ja nicht! Nett und vor allem gesprächig war sie. «Chunsch àlbig in inschi Gagand?», fragte sie mich. Erstens mag ich keinen Smalltalk und zweitens verstand ich kaum ein Wort. Aber Reden hilft gegen Nervosität. Also gab ich bereitwillig Auskunft und stellte selbst eine Frage. «Sind Sie aus dem Wallis hier in den Ferien?», urteilte ich nach dem Dialekt der Frau. Bravo. Ausgerechnet. Ein leichtes Zucken der Mundwinkel, ein kurzer Seufzer, ein taxierender Blick. Dann huschte ein gutmütiges Schmunzeln über die Lippen der Frau, gefolgt von einem langen Vortrag über die Walserwanderungen zu Beginn des 13. Jahrhunderts. Ein überzeugendes Plädoyer voller Ehrfurcht und Herz für jene mutigen Vorfahren, die vom Wallis her auswanderten und Kultur und Sprache im Gepäck mittrugen als ihr wertvollster Schatz. In Obersaxen fanden sie ein neues Zuhause – und ihre Sprache einen ganz eigenen Dialekt. Obersàxar Titsch und nix mit Wallis. Noch heute bin ich der Obersaxerin dankbar, klärte sie mich so freundlich über meinen Fauxpas auf. Sie hätte mich auch im Fettnäpfchen brutzeln können wie in einer Fritteuse. Aber dann hätte ich vielleicht kehrt gemacht und wäre heute wohl nicht hier und auf den Spuren der Walser unterwegs. Zum Abschied schenkte sie mir ein Überraschungsei. Es war eine Sammelfigur drin. Ein Glückstreffer. Aber verlassen wir nun den Pfad der Geschichte und machen uns auf den Weg. Auf den acht Kilometer langen Walserweg zwischen Obersaxen Giraniga und Obersaxen Miraniga, um genau zu sein.

Themenweg, Kunstwanderung und Naturspektakel

Diesmal steige ich nicht wie damals in Meierhof aus, sondern erst drei Haltestellen später: in Giraniga. Los geht’s. Es schliessen sich die Türen des Busses – und bald wohl auch ein paar meiner Bildungslücken in Walser-Sache. Den Walserweg säumen nämlich 23 Informationstafeln zu Kultur und Natur in Obersaxen. Sie befassen sich intensiv mit der Walserwanderung anno 13. Jh. und mit der Sprache der Walser. Die Wald- und Forstwirtschaft wird genauso thematisiert wie die Alpwirtschaft und der Tourismus. Aber auch die einheimische Fauna und Flora kommt zum Zug: Tafeln zu Grosswild, Vögeln, Pflanzen, Pilzen, Mooren und Megalithen widerspiegeln eindrücklich die vielseitige Natur Obersaxens. Und auch Brauchtum und Architektur finden ihren Raum – und dann ist da natürlich noch die Kunst: Die findet man gleich auf jeder Tafel! Der in Obersaxen lebende und weitum bekannte Künstler Rudolf Mirer hat den Thementafeln nämlich seine unverkennbare Handschrift verliehen. So bestechen gleich alle der 23 Tafeln mit faszinierender Ausdruckskraft und Farbgebung. Ich freue mich also auf eine Wanderung, die gleichzeitig Themenweg und Kunstgalerie ist. Und das vor dem schönsten Hintergrund, den es gibt: der Natur! Obwohl die ja immer auch im Vordergrund steht. Der Walserweg führt abwechslungsweise über saftige Wiesen, durchs Hochmoor und lichten Wald. Im Schlettertobel zeigt sich die Natur besonders ungestüm und eindrücklich. Das enge Tobel reisst eine tiefe Furche in die Landschaft und gibt dem tosenden St. Petersbach die Richtung vor. Überquert wird das Tobel via 44,5 m lange Hängebrücke, 16 Meter über dem Flussbett. Ein abenteuerliches Erlebnis! Auf der anderen Seite des Tobels wartet bei der Familien-Feuerstelle «Plàmpoort» schon der nächste natürliche Höhepunkt: das Durchblickpanorama. Einmal hindurchgeblickt, kann man die unglaubliche Weitsicht geniessen und gleichzeitig die Berggipfel korrekt benennen. Per Durchblick den Überblick behalten, das ist auch mal was. Und wenn wir grad beim Blick sind: Der kann ruhig weit schweifen. Spätestens beim gemütlichen Abstieg nach Miraniga, wo der Weg ebenmässig und das Panorama megamässig sind, kommt «Hänschen guck in die Luft» voll auf seine Kosten! Talaufwärts reicht das Auge bis Disentis, talabwärts lässt sich bei klarer Sicht sogar die Alpenstadt Chur erkennen. Aber wenden wir unser Augenmerk nun wieder Obersaxen zu. Oder genauer gesagt der Obersaxerin, die mir damals den Start am neuen Ort erleichterte. Die, die mich nicht im Fettnäpfchen brutzeln liess, sondern mir ihre Kultur auf dem Silbertablett servierte. Zum ersten Mal auf jener gemeinsamen Busfahrt und später oft zu Kaffee und Nussgipfel am Ecktisch. Und immer mal wieder gab es ein Überraschungsei. Du weisst, wer du bist. Ich danke dir.